Purkersdorf GESTERN & HEUTE – Teil 3

Podcast über Purkersdorf Geschichte

1938 bis 1967

In der dritten Episode der aktuellen Sendereihe mit dem Titel „Purkersdorf gestern und heute“ widmet sich der Podcast „Hallo Purkersdorf“ der Zeit von 1938 bis 1967.

Der Geschichts- und Purkersdorfexperte Dr. Christian Matzka schildert die Situation in Purkersdorf während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und berichtet dabei unter anderem von der Judenverfolgung, Zwangsarbeiterlagern und den tragischen Ereignissen gegen Kriegsende. Als die Rote Armee Anfang April 1945 nach Wien vordringt, wird Purkersdorf für einige Tage zum Frontgebiet und sogar von deutschen Granaten getroffen. Ein sowjetischer Soldatenfriedhof zeugt heute noch von den damaligen Schlachten. 

Die Nachkriegszeit ist schließlich geprägt vom Wiederaufbau. Unter sozialdemokratischen Gemeindevertretungen werden Gemeindebauten, eine Volksschule und ein Kindergarten errichtet. Mit dem Bau der Umfahrungsstraße B44 ändert sich das Ortsbild maßgeblich. 1967 folgt mit der Stadterhebung ein weiterer Meilenstein in der Purkersdorfer Ortsgeschichte. 

Die ersten beiden Episode der Sendereihe behandelten die Zeit von 1850 bis 1914 und 1914 bis 1938.

Judenverfolgung in Purkersdorf

Am 14. März fährt Hitler auf seinem Weg nach Wien auch durch Purkersdorf und wird dort von einer jubelnden Menge empfangen. Originalaufnahmen dieser Szenen können im Österreichischen Filmmuseum angesehen werden.

Deutsche Wehrmacht am Hauptplatz Purkersdorf
Deutsche Wehrmacht am Hauptplatz Purkersdorf
Deutsche Wehrmacht am Hauptplatz Purkersdorf
Deutsche Wehrmacht am Hauptplatz Purkersdorf
Purkersdorf
Deutsche Wehrmacht am Hauptplatz Purkersdorf

Bald nach dem Einzug Hitlers und dem Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938 beginnt eine erste Verhaftungswelle durch die Polizei und die Gestapo (Geheime Staatspolizei). Menschen werden in sogenannten „Notarrest“ gesteckt, zu welchem Zweck etwa Schulen und Keller zu Gefängnissen umfunktioniert werden. Außerdem starten am 1. April die ersten Gefangenentransporte ins KZ Dachau.

In Purkersdorf leben 1938 über 70 Personen mit israelitischem Religionsbekenntnis. Wie viele weitere Menschen nach den Nürnberger Rassengesetzen zu „Juden“ gemacht wurden ist aus dem aktuellen Forschungsstand sehr schwierig herauszufiltern. Viele Menschen flüchten, werden vertrieben bzw. emigrieren – je nachdem welchen Begriff man verwenden möchte. Andere wiederum bleiben und bekommen dann schnell Probleme mit den Nationalsozialisten, werden aus der Bevölkerung herausgenommen und separiert und letztendlich ermordet.

Der von Raul Hilberg beschriebene Vernichtungsprozess der europäischen Juden (Ausgrenzung, Konzentration, Fabrikmäßiger Massenmord) lässt sich im Kleinen auch in Purkersdorf festmachen. Bereits am 12. März – zwei Tage vor Hitlers Durchreise – wird die Trafik am Purkersdorfer Hauptplatz als jüdisches Geschäft gekennzeichnet. Menschen werden gedemütigt – etwa die Familie Zuckerkandl, die gezwungen wird, in der Pragergasse die Gehsteige zu waschen – und auch in Purkersdorf gibt es Anschlussprogrome.

Spätestens nach den Anschlussprogromen im November 1938 wird in der Wiener Straße 33 – einem beschlagnahmten, ehemalig jüdischen Besitz – ein Sammelhaus eingerichtet, in dem Menschen, denen ihre Wohnungen weggenommen wurden, fortan wohnen müssen. Viele von ihnen waren noch bis 1941 in Purkersdorf, bis sie im Oktober 1941 mit den ersten Transporten nach Osten gebracht und ermordet wurden. Zirka 16 Menschen werden auf diese Weise aus Purkersdorf deportiert. Ein 2005 auf dem Friedhof errichteter Gedenkstein erinnert an diese Opfer.

Arbeits- und Zwangslager

Im Zuge der Kriegsentwicklung wurden mehr Arbeitskräfte gebraucht, was mit Fremdarbeitern und Kriegsgefangen gedeckt wurde. In Purkersdorf bestand etwa ein Zwangsarbeiterlager im Steinbruch. Auch am Bahnhof Unter Purkersdorf befand sich ein Lager von griechischen und ukrainischen Zwangsarbeitern der Reichsbahn. Darüber hinaus beschäftigten auch viele Purkersdorfer Firmen – etwa die Firma Riedmüller – Zwangsarbeiter.

Das System der Sklavenarbeit ist zu der Zeit ganz tief in der Bevölkerung
verankert. Jeder Bauer, jeder Sägewerksbesitzer, jeder Unternehmer konnte beim Arbeitsamt um Arbeitskräfte ansuchen und dann haben die Nazis irgendwelche Leute „eingefangen“ und verpflichtet, hier zu
arbeiten.

Im Sägewerk Marterbauer gab es einen belgischen Zwangsarbeiter, Herr Van Muysen, der nach dem Krieg in Purkersdorf geblieben ist und die Tochter des Sägewerks Marterbauer geheiratet hat. Die beide hatten viele Kinder und die Familie gibt es bis heute. Die
Liebe hat dann quasi diese Zwangsarbeitersituation überbrückt.

Frontgebiet Purkersdorf

Zum Kriegsende im April 1945 wird Purkersdorf für einige Tage tatsächlich zum Frontgebiet. Da die Rote Armee erfährt, dass die meisten Truppen der Deutschen Wehrmacht im Süden von Wien stationiert sind, entschließt sie sich, Wien auch vom Westen zu umfassen. In der Nacht vom 5. auf den 6. April sammelt sich die Rote Armee beim Wienerwaldsee und stößt dann so gegen
5 oder 6 Uhr in der Früh nach Purkersdorf vor. Auf dem Weg kommt es zu Gefechten, wovon heute noch der sowjetische Soldatenfriedhof auf der Friedhof Purkersdorf zeugt.

Die deutschen Truppen ziehen sich schließlich nach Wien zurück und sitzen teilweise auf den Hügeln in der Wintergasse. Noch heute kann man, wenn man die Schuhgasse Richtung Buchberg hinausgeht, Schützengräben erkennen, in denen sich die Deutsche Wehrmacht und SS zurückgezogen haben.

Auf Purkersdorf wird in diesen Tagen auch von Wien heraus geschossen, wodurch das Schloss und die Kirche am 6. April 1945 von deutschen Granaten einen Bombentreffer bekommen. Die sowjetische Armee marschiert schnell weiter und ist am 7. April schon auf der Linzer Straße in Wien. Es dauert dann noch bis zum 13. April, bis Wien befreit ist.

Sowjetischer Kontrollposten 1945

Selbstmorde und Morde 1945

Am 5. und 6. April 1945 kommt es in Purkersdorf zu etwa 30 Selbstmorden und Morden von Nationalsozialisten, die sich und ihre Familien ermorden. Etwa zehn Kinder werden auf diese Weise umgebracht.

Bekannt sind etwa die Fälle von zwei Arztfamilien und dem evangelischen Pfarrer, wodurch es in Purkersdorf dann kurze Zeit überhaupt keinen Arzt gibt. Dadurch gibt es auch Todesfälle, weil keine
ärztliche Hilfe da ist. Frauen sterben mangels ärztlicher Unterstützung bei der Geburt. Erst mit Ende April ordinieren wieder zwei ehemalige Ärzte aus dem Sanatorium in Purkersdorf.

Neubeginn der Selbstverwaltung

Während Wien noch umkämpft wird, bemüht man sich in Purkersdorf bereits am 12. April 1945 um eine neue Selbstverwaltung. Initiiert durch Josef Zurek treffen sich Vertreter der späteren Parteien und gründen eine Gemeindevertretung, deren Bürgermeister Josef Zurek wird.

Bürgermeister Josef Zurek

Dieser setzt alle Hebel in Bewegung, um Lebensmittel
heranzuschaffen. In Purkersdorf wird in der Bäckerei Zwickl in der Herrengasse Brot gebacken und das Mehl aus Atzenbruck organisiert. EIne zeitlang gibt es sogar eigene Lebensmittelkarten und
eine Volksküche. Zu der Zeit leben noch etwa 3.000 Personen im Ort.

Restitution des Sanatoriums

Nach dem Krieg beginnt dann die sehr traurige Restitutionsgeschichte des Sanatoriums, das ja der Femine Zucherkandl gehört hat und
beschlagnahmt wurde. 1947 versuchen die Überlebenden der Familie, die etwa in Brüssel in Kellern überlebt haben, das Sanatorium
zurückzubekommen. Das schleppt sich über fünf Jahre, bis es zu
einem Vergleich kommt, der eigentlich eher zu Ungunsten der Überlebenden ausgeht. Jene, die sich das Sanatorium 1938/39 angeeignet haben, steigen hingegen gar nicht so schlecht aus.

Trennung von Wien

Mit der Befreiung von Wien im April 1945 wird die Eingemeindung von Purkersdorf formal sofort rückgängig gemacht, aber nicht umgesetzt, da sich die Alliierten auf keine Aufteilung der Besatzungszonen einigen können. Viele Menschen wollten zu dieser Zeit auch gar nicht weg von Wien, da die Lebensmittelzuteilungen in Wien höher waren als in Niederösterreich. Laut Umfragen wollten sogar über 70% der Bevölkerung bei Wien verbleiben. 1952 wird in Purkersdorf in der Tullnerbachstraße 81 sogar noch ein Gemeindebau der Gemeinde Wien errichtet

Formal war man in Niederösterreich und auch wahlberechtigt bei der
Niederösterreichischen Landtagswahl. Von 1947 bis 1954 gab es allerdings keinen Bürgermeister, sondern den Ortvorsteher Zurek. Kurz vor der Ausgliederung 1954 gab es in allen ehemaligen
sogenannten Randgemeinden – so auch in Purkersdorf – Sitzungen von ernannten Volksvertretern der einzelnen Parteien, die für die
Ausgliederung aus Wien stimmten – obwohl die Meinungsumfragen dagegen waren. Mit 1. September 1954 ist Purkersdorf dann in Niederösterreich wieder selbstständig – 1955 folgen die ersten Wahlen.

Entwicklungen nach 1945

Purkersdorf wird nach den Wahlen 1955 unter Bürgermeister Gustav Hein wieder mit absoluter Mehrheit sozialdemokratisch, was der Gemeinde im ÖVP-regierten Niederösterreich keinen guten Stand einbringt. Josef Zurek – Bürgermeister 1954-55 – wird zunächst geschäftsführender Gemeinderat, zerstreitet sich aber dann und gründet seine eigene Partei. Mit Alfred Czernoch hat Purkersdorf bis in die 1980er auch einen kommunistischen Gemeinderat. Sein Nachfolger war Josef Baum, der bis heute im Gemeinderat sitzt. Bis 1970 bleibt die ÖVP im Gemeinderat in der Minderheit.

Ein schwer zu lösendes Problem dieser Zeit ist die Wohnungsnot. Die SPÖ errichtet zwar Mitte der 1960er Jahre Gemeindewohnungen in der Wintergasse 8 und danach in der Tullnerbachstraße 81, hinter dem Gemeindebau der Stadt Wien, hat aber nicht das Geld, um noch mehr Wohnraum zu errichten. Die rote Gemeinde sowie Genossenschaften haben im schwarzen Niederösterreich ihre Schwierigkeiten -Wohnbauförderung fließt nicht wirklich.

Purkersdorf war nach dem Zweiten Weltkrieg auch eine Abwanderungsgemeinde – die Leute sind weggezogen von hier. Es gab eine negative Geburtenbilanz, das heißt, es ist mehr gestorben als
geboren worden. 1951 wohnen in Purkersdorf rund 5.200 Personen, 1971 sind es nicht mehr ganz 5.000 Personen.

Purkersdorf 1967
Hauptplatz Purkersdorf 1967
Rattenloch
Gasthof Staubmann
Rathaus Purkersdorf
Poststation 1974

(Wieder-)Aufbau der Infrastruktur

1958 errichtet die Gemeinde einen Kindergarten am Standort des heutigen Bildungszentrums. 1964/65 wird ein neues Volksschulgebäude erbaut. Durch den Babyboom in den 1960er Jahren werden kurzfristig wieder Volksschulklassen ins Rathaus übersiedelt. Dadurch hat etwa der langjährige Bürgermeister Karl Schlögl als Schüler im Rathaus die Volksschule besucht – nämlich genau in dem
Raum, wo dann später sein Bürgermeisterzimmer war.

Grundsteinlegung Kindergarten 1957
Kindergarten 1957
Kindergarten 1957
Neue Volksschule 1966
Neue Volksschule 1966

1964 wird das Bad von der Gemeinde zurückgekauft und 1967 wiedereröffnet.

Purkersdorfer Freibad

Bedeutsam für die Entwicklung des Ortes ist außerdem die Errichtung der Umfahrungsstraße B44 in den Jahren 1959 und 1960. Die Westautobahn endet zu dieser Zeit in Pressbaum, weshalb eine leistungsfähige Anschlusstraße nach Wien notwendig wird. Die Wientalstraße wird ausgebaut, die Wiener Straße auf vier Spuren verbreitert.

Im Rahmen des Straßenbaus werden große Teile der Kellerwiese inkl. Tennisplatz, Pragermühle, Pestsäule und Deutschwaldkapelle abgetragen. Eine alternative Planung hatte die Straßenführung am rechten Wienflussufer durch die heutige Fürstenberggasse vorgesehen, was durch den Widerstand von Anrainerinnen und Anrainern verhindert werden konnte. Entlang der neuen Straße wurden zahlreiche Tankstellen errichtet, da die damaligen Autos ja nur eine Kapazität für 15-25 Liter Benzin hatten.

B44 Ankündigung
B44 Höhe Kapelle
B44 Höhe Kapelle
B44 Unter-Purkersdorf
B44 Unter-Purkersdorf

Stadterhebung 1967

1967 wird Purkersdorf mit einem großen Fest zur Stadt erhoben. Bundespräsident Franz Jonas persönlich überreicht dem Bürgermeister Gustav Hein die Stadterhebungsurkunde. Mit der Erhebung zur Stadt soll nicht zuletzt abgesichert werden, dass es nie wieder zu einer Eingemeindung nach Wien kommen kann.

Stadterhebung 1967
Stadterhebung 1967

Quellenhinweis:
Alle Bilder und Videos stammen vom Stadtmuseum Purkersdorf

Podcast

Dr. Christian Matzka


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